Realität

Es ist oft zu beobachten, dass Menschen sich mit ihren Vorstellungen, mit ihrer Sicht der Dinge und Personen, der Umstände, Prozesse und Entwicklungen identifizieren und meinen, sie würden ‚objektiv‘ die absolute Wahrheit wahrnehmen oder ihr zumindest doch sehr nahe kommen. Sie vergessen dabei, dass sie die Welt durch eine bestimmte ‚Brille‘ betrachten, nämlich die Brille der bisher gemachten Erfahrungen und der daraus gewonnenen Erkenntnisse bzw. Schlußfolgerungen – die Brille des sogenannten „Weltbildes“.

Diese Tatsache erscheint auf den ersten Blick vielleicht recht unspektakulär und relativ unscheinbar, sie ist aber in ihren Auswirkungen die Ursache für sehr viel Spannung, Streit, Mißverständniss und Kampf in der Welt, weil nämlich sehr schnell Streit um die Deutungshoheit entsteht: wessen Meinung zählt mehr? Wer hat ‚mehr Recht‘? Wer hat überhaupt Recht? Wer ist objektiv, oder: objektiver? – Du hast nicht Recht! Ich habe Recht.

Viele Streitigkeiten können augenblicklich beigelegt werden, wenn man erkennt, dass jeder Mensch seine ganz eigene, persönlich gefärbte Sicht auf die Wahrheit hat. Und dass alle diese ‚persönlichen Wahrheiten‘ völlig ebenbürtig (- und ohne einander zu stören oder zu beeinträchtigen!) nebeneinander existieren können. Die Vielfalt der Meinungen ist unendlich und nicht begrenzbar. Mit jedem neuen Menschen kommt eine neue Meinung hinzu. Und keine Meinung ist objektiv, sondern immer persönlich gefärbt, d.h. in ihrem Wesen subjektiv ausgeformt.

Gibt es eine ‚objektive‘ Wahrheit? Das kann vom Verstand nicht wirklich beantwortet werden, da er immer persönlich geprägt gefüttert, genutzt und gesehen wird. Eigentlich scheint klar, dass es eine absolute Wahrheit geben muß, denn auch wenn die Ergebnisse unserer Blicke auf etwas unterschiedliche Resultate abliefern, so schauen wir doch alle auf ‚etwas‘, d.h. wir nehmen etwas wahr, wir sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, spüren und erkennen etwas.

Wir wissen inzwischen, dass es sehr viele Dinge gibt, die sich den gewöhnlichen Sinnesorganen entziehen, die wir nicht wahrnehmen können, sogar Phänomene der physischen Welt: Töne im ultra-hohen oder ultra-niedrigen Bereich, Strahlen, Licht im Spektrum, das über die Sehfähigkeit der Augen hinausgeht, usw. Die Sinnesorgane sind also ganz klar so konzipiert, dass sie nur einen Teil der meßbaren Realität erfassen können, d.h. es ist schon von der Veranlagung her unmöglich, mit den physischen Sinnen die komplexe (physische) Realität ganz zu erfassen. Wenn man die psychischen und mentalen Bewusstseinsebenen in die Betrachtung mit einbezieht, wird diese Tatsache gleich noch offenkundiger und in ihrer Auswirkung noch gravierender: wer würde behaupten, komplett den vor ihm stehenden Menschen mit all seinen Gefühlen, Gedanken, Erfahrungen, Prägungen, Äußerungen und Eindrücken zu erfassen? Die komplette ‚Wahrheit‘ dieses Menschen zu sehen? Und was ist dann noch mit den anderen 7 Milliarden, die hier auf der Erde mit uns leben? Es wird auf der Stelle klar, dass das Dimensionen sind, die von einem einzelnen Menschen nicht ‚gesehen‘, nicht erfasst werden können. Und doch gibt es diese Realtät, die Summe aller Einzel-Realitäten und noch darüber hinaus das, auf das alle Einzel-Realitäten blicken…

Yoga weiß um diese ‚Universelle‘ Realität und bringt uns auf den Weg, dieses ‚Absolute‘ zunächst einmal anzuerkennen und es immer mehr zu erkennen, sowohl im sogenannten Äußeren, der materiellen Welt, als auch im Wesen der Menschen, in dem sich das Absolute ebenfalls finden lässt. „Das Himmelreich liegt in dir“, wie es in unserer Tradition so einfach und treffend formuliert wurde.


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